Biografie

  • 1943 in Halle an der Saale geboren
  • Schulzeit in Dinslaken/Niederrhein
  • Studium der Juristerei, Philosophie, Soziologie und Sozial-
    pädagogik in Berlin, Kiel und Frankfurt/M.
  • private therapeutische Praxis in Tübingen nach Ausbildung
    in London
  • seit 1987 Rundfunkarbeit in Stuttgart, seit 1995 in Berlin

Radio-biografische Notiz

Raus aus dem Traumaland Deutschland, in das ich 1943 in finsterster Zeit in Halle an der Saale geboren wurde, raus aus dem gespaltenen Land, in dem ich, getrennt von einem großen Teil meiner Familie im Osten, im Westen aufwuchs, raus aus dem Wirtschaftswunderland des „Vorwärts-und-alles-vergessen“, raus aus dem Land der damals von mir als weitgehend gescheitert erlebten Studentenbewegung, die mich stark prägte, hinein in die große weite Welt! Was für ein Privileg diese Aus- und Aufbrüche als RadioReportageReisen organisieren zu können!
Die Zeit der Heilslehren der weltweiten Studentenbewegung und ihrer Folgen, auch eine Zeit großer Irrungen und Wirrungen, war nach fast zwei Jahrzehnten zuendegegangen. Es war eine Zeit der heilsamen Zuwendung zur Realität und des heillosen Utopieverlusts zugleich, weg von den „großen Erzählungen“ (Ideologien), hin zu den kleinen Erzählungen.
Nach einem Jahr harter und nützlicher Radio-Lehrzeit an einem Reutlinger Privatradio landete ich 1988 beim SDR in Stuttgart. Es war ein guter Zeitpunkt mit journalistischer Arbeit zu beginnen, damals war ich 44.

Das Politische im weitesten Sinne blieb mein Hauptfokus, weniger Parteipolitik als Politik von unten, weniger des Staates und der Institutionen als Veränderungen im Alltagsleben. Orientiert blieb meine Radioarbeit bis heute an Herrschaftskritik, Selbstbestimmung und Selbstorganisation.
Innerhalb der Vielfalt radiophoner Möglichkeiten bevorzuge ich das dokumentarische Feature oder besser, die  „künstlerisch gestaltete Dokumentation” und dokumentarische Essays. O-Ton und Klang haben bei mir eher dokumentarische als künstlerische Funktion. Dabei ist mein Hang zur Reportage nicht zu verleugnen. Sie ist, so lerne ich erst jetzt aus den gerade entdeckten Texten vom Michael Lissek, immer in Gefahr, der Feind des Features zu sein, wie die Information die Feindin der Erzählung.
Das anzustrebende Ideal fürs Feature hat Lissek in seinem Text „das radiofeature“ gut auf den Begiff gebracht:

„schön wäre es, wenn das feature etwas ‚sagen‘ würde, was nur das feature sagen kann. wenn aus der montage der geräusche, o-töne und musiken etwas entstünde, das schwebte zwischen information und narration, wahrheit und schönheit. wenn selbst die eindeutigste aussage in diesem kontext vieldeutig würde, zu flirren begönne.“

Universaldilettant

In meiner Radioarbeit bin ich entschieden Universaldilettant (dilettare – sich erfreuen), kein Spezialist für irgendetwas. Meist folge ich spontan meiner Begeisterung für Orte, Menschen, Ereignisse. Dennoch haben sich dabei auch Schwerpunkte herausgebildet (siehe 25 Reportagen).

Beispielhaft scheint mir die Vorgeschichte der Reportage Der Weg durch den Staub zur Jungfrau vom Tau – eine spanische Wallfahrt: Im Juni ’68 besuchte uns in der „Wilhelmine“, der ersten Kommune in Kiel, Wolfgang Lefèvre, der spätere Philosoph und damals einer der führenden Köpfe im SDS, der gerade aus Paris gekonmen war und begeistert von den Besetzungen der Fabriken durch die Arbeiter erzählte. Wir waren in revolutionärer Hochstimmung. Da kam einer unserer Mitbewohner von einer Reise aus Andalusien zurück und berichtete von einer erstaunlich sinnentrunkenen Wallfahrt in das kleine Örtchen El Rocio im sumpfigen Gelände des Guadalquivir-Deltas. Damals hatten gerade amerikanische Bomber die vietnamesische Kaiserstadt Hué in Schutt und Asche gelegt. Da entstanden in mir Bilder zu einem Film über Leben und Tod, das Elend der zerstörten Kaiserstadt in schwarz-weiß, die Lebensfreude von El Rocio in bunt. Der Film ist nie enstanden, aber die Bilder blieben und kamen immer wieder. 27 Jahre später, während meiner letzten Israel-Recherche, lud mich eine Freundin in Jerusalem zu einer Party ein, auf der Lichtbilder von einer andalusischen Wallfahrt gezeigt werden sollten. Es waren prächtige Bilder aus El Rocio. Da war es wieder! Jetzt war klar, wenn schon kein Film, muss doch wenigstens ein Doku-Feature über El Rocio enstehen. Drei Jahre später wurde es gesendet. Damals war ich für den NDR gerade in Ceuta und Melilla unterwegs gewesen, um über die afrikanischen Flüchtlinge in den spanischen Exklaven in Marokko und die Festung Europa zu berichten, die die Straße von Gibraltar zum Massengrab machte und weiter macht.

Radioarbeit und politische Aktion

2002 war ich auf dem Weltsozialforum in Porto Allegre, dem Welttreffen der sozialen Bewegungen. In der südbrasilianischen Stadt und dem Staat Rio Grande do Sul hatte sich gerade 15 Jahre lang eine neue Form der Demokratie  bewährt, das orcamento participativo, der Bürgerhaushalt: in partizipativen Rätestrukturen nimmt das Volk direkt Einfluß auf den Stadthaushalt. Angeregt durch diese Erfahrungen direkter Demokratie, entstand der erste Berliner Bürgerhaushalt im Bezirk Lichtenberg, dem bald weitere in anderen Berliner Bezirken folgten.

Radio-Reportagen/Features können  basisdemokratisch nützlich werden, wie z.B.  2012 als Ruf und Widerruf – zum Streit um den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam die „Bürgerinitiative für ein Postdam ohne Garnisonkirche“ den Widerstand gegen den Wiederaufbau republikweit stärkte.

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