VORLÄUFIGE HÖLLE – Brasilien unter J. Messias Bolsonaro

WDR/DLF/ORF 2020
mit Lutz Taufer
50 Min
Regie: Thomas Wolfertz
Redaktion: Thomas Nachtigall

Erstsendung: WDR am 30.8. und DLF am 1.9.2020

Sendung

Wie konnte ein Bolsonaro Präsident werden, nachdem in den 10 Jahren unter Lula und seiner Arbeiterpartei ca. 30 Millionen BrasilianerInnen aus der Armut in die untere Mittelschicht aufstiegen, sich die Bildungschancen deutlich verbesserten und Brasilien wirtschaftlich stark wurde? Und: Was bedeutet Bolsonaro für die Armen in den Comunidades? Mit diesen zwei Fragen waren wir im März 2020 nach Brasilien gefahren.

Wir lernten in São Gonçalo bei Rio de Janeiro in in einer Favela, heute weniger stigmatisierend Comunidade genannt, gleich in der ersten Woche: Bolsonaro bedeutet mehr tödliche Polizeigewalt. Sechs schwarze Jugendliche waren in den ersten Tagen unserer Recherche von der Policia Militar erschossen worden. Alle 23 Minuten wird in Brasilien ein Afrobrasilianer erschossen. Und wir lernten: angesichts des seit 2013 immer härter werdenden Überlebenskampfs der Favelados macht ein Bolsonaro erst einmal keinen großen Unterschied.

Aber warum hatten in dieser von Comunidades bestimmtem Gegend im Oktober 2018 65% Bolsonaro gewählt?

Wie alle Rechtspopulisten macht Bolsonaro politische Gegner zu Feinden, schürt Hass gegen Minderheiten und Abweichler, zerstört staatliche Institutionen, greift den Rechtsstaat an, spaltet, polarisiert. Aber es gibt eine besondere massenpsychologische Basis für den Bolsonarismo: Eine in 350 Jahren Kolonialismus und der Diktaturzeit gedemütigte Bevölkerung, die sich mit ihrem Henker identifiziert und so ihre Gewaltgeschichte weiter verdrängt. Und es gibt eine darauf basierende, in der Welt beispiellose Macht der Evangelikalen in Brasilien. Das Verdrängte taucht als zerstörerische Gewalt auf der leeren Bühne wieder auf.

Wir sahen die hassverzerrten Gesichter der pro-Bolsonaro-Demonstranten in Sao Paulo, die einen Miltärputsch forderten und es ging uns wie Rita Kehl, Psychonalytikerin und Mitglied der unter Dilma Rouseff berufenen Wahrheitskommission: „Die letzte Diktatur war aufgezwungen, jetzt ist es viel schlimmer, das Volk will sie. Das macht mich nicht nur depressiv, es macht mir Angst.“

Mitte März gab es in Brasilien 11 Corona-Tote, 6 Monate später sind es 106.000. Bolsonaro der „tropical Trump“? – ein Euphemismus! Und der Widerstand gegen Bolsonaro? Er scheint schwach zu sein. Wegen Corona mußten wir die Recherche abbrechen.

Bilder von Anselm Weidner

Veröffentlicht unter 30 Reportagen, Demokratie, Neues

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